Silvestro Ganassis «viola d’arco tastada»

Bericht über ein Forschungsprojekt zu ihrer Kontextualisierung und Rekonstruktion

Veröffentlicht: 23.09.2013     Autor/in: Martin Kirnbauer

Abstract

Vortrag anlässlich der Galpin/CIMCIM Konferenz «Musical Instruments – History, Science and Culture» in Oxford, UK, Faculty of Music, 25–29. Juli 2013.

Die drei Papers (neben meinem auch diejenigen von Martina Papiro, Kathrin Menzel und Thilo Hirsch) stellen ein Basler Forschungsprojekt vor, das sich in den letzten zwei Jahren mit der frühen Viola da gamba in Italien beschäftigte.

Schlagwörter

Viola da gamba; Silvestro Ganassi; frühe Streichinstrumente; 1500–1600

Forschungsprojekt

Transformationen instrumentaler Klanglichkeit

Zitierweise

Martin Kirnbauer, "Silvestro Ganassis «viola d’arco tastada». Bericht über ein Forschungsprojekt zu ihrer Kontextualisierung und Rekonstruktion". Forschungsportal Schola Cantorum Basiliensis, 2013.
https://forschung.schola-cantorum-basiliensis.ch/de/forschung/fruehe-streichinstrumente-1/kirnbauer-ganassi-im-kontext.html (Abgerufen am TT MM JJJJ)

Lizenz

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Pragmatisch bot dieser Ansatz eine Reihe von methodischen Vorteilen: Die Fixierung eines konkreten Orts (Venedig) und Zeitpunkts (2. Viertel des 16. Jahrhunderts), dazu ein ausführliches Lehrwerk für das Instrument mit aussagekräftigen Abbildungen, zudem mit Angaben zur Spielweise, zum Repertoire und zur Verwendung der Viola da gamba. Diese Fülle von Informationen wog den Nachteil bei weitem auf, mit Ganassi eher am späteren Ende des uns interessierenden Zeitraums zu liegen. Zudem boten seine Schriften auch viele Anhaltspunkte für ein konkretes Instrument, die durch weitere ikonographische Belege und Befunde an ausgewählten Originalinstrumenten ergänzt werden konnten. Vor allem aber stützte ein genauer Blick auf Silvestro Ganassi unseren Ansatz, da ein bislang nur wenig beachteter Aspekt seiner Biographie ihn in einem neuen Licht zeigt.


Es seien kurz die bis heute bekannt gewordenen Fakten referiert (gestützt vor allem auf Forschungen von Armando Fiabane und Stefano Pio [3]). Geboren wurde er nach eigenen Angaben 1492 in Venedig als Sohn eines aus Bergamo eingewanderten Barbiers, der seinen Laden in der Pfarrei San Silvestro beim fontego della farina bzw. Kornspeicher nahe der Rialto-Brücke hatte (Abb. 4 + 5).

Dieser fontego wurde Ganassis Namenszusatz, auch zur Unterscheidung gegenüber vielen weiteren, aus der gleichen Gegend nahe Bergamo eingewanderten Ganassis, und er führte auch zum Titel seiner ersten Publikation, der Fontegara (1535).


1517 wird er zum suonatore del Doge ernannt, er wird also Mitglied des bedeutenden venezianischen Bläserensembles (entsprechend nennt er sich auf dem Titelblatt der Fontegara als «syluestro di ganaßi dal fontego sonator de la Illustrissima Signoria Di Venetia»). Diese Position dokumentiert einen sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg, der insofern nachhaltig war, dass einer seiner beiden Söhne in Jus promovieren und eine Adlige heiraten konnte; der zweite Sohn wird ebenfalls suonatore des Dogen und später Zinkenist am polnischen Königshof. Ganassis Ernennung dokumentiert seine herausragenden musikalischen Künste als Bläser: Er übernimmt dort die Position des contralto, eine Stimmlage, die er mit verschiedensten Instrumenten bedienen musste.

So waren im repräsentativen Einsatz Schalmeien, Posaunen und (zeremonielle) Silber-Trompeten gefragt (Abb. 6 + 7). Allerdings wurden die Instrumentalisten des Dogen auch zu Aufführungen in San Marco beigezogen und sie spielten bei Hochzeiten der cittadini (der oberen Mittelklasse der Stadt). Die wichtigste Einnahmequelle für Musiker aber stellten die Engagements durch die Scuole (grandi und piccole) dar, also der in Venedig sehr zahlreichen religiösen Bruderschaften, bei deren Andachten und vor allem Umzügen Musik eine bedeutende Rolle spielte. In diesem Zusammenhang ist auch eine «compagnia dei musici del Fontego» belegt, vielleicht ein Familienunternehmen der Ganassis (so waren zwei Brüder Silvestros ebenfalls sonadore). Gespielt wurden dort neben Blasinstrumenten (wie Posaune und Schalmei, Blockflöten und Zink) auch Streichinstrumente, entsprechend ihrer Bezeichnung als «sonadori de viola e lironi» – Instrumente, die Silvestro Ganassi offenkundig auch beherrschte.


Silvestro Ganassis herausragende Stellung als Instrumentalmusiker wird noch 1560 in einem Buch über die «Merkwürdigkeiten Venedigs» bestätigt: In Francesco Sansovinos Delle cose notabili che sono in Venetia (Venedig 1562) erscheint «Silvestro dal Fontego» in einer Aufzählung der bedeutendsten venezianischen Musikern («senza alcun paro»), nach Adrian Willaert, dem «Principe de Musici», und neben Musikern wie Marc’Antonio Cavazzoni, Claudio Merulo u. a.). Sein genaues Todesdatum ist unbekannt, es wird aber zwischen 1557 und 1565 liegen.

Das wirft eine Reihe von bislang unbeantwortbaren Fragen auf, ist der Verlag eines Drucks und mehr noch der Betrieb einer Druckerei ein technisch wie finanziell aufwendiges Unternehmen (selbst wenn mit dem eigentlichen Druckvorgang eine Lohndruckerei beauftragt gewesen wäre); auch könnte man erwarten, dass weitere Drucke entstanden, die aber nicht belegt sind. Für unsere Thematik aber noch zentraler ist die Frage nach den Abbildungen, insbesondere die der Gamben, wobei nun angenommen werden kann, dass Ganassi auch hierfür selbst verantwortlich war. Als merkwürdig erschien schon immer die Formulierung «desideroso nella pictvra» im Titel der Lettione seconda, was aber ganz handgreiflich zu verstehen ist: Tatsächlich war Ganassi seinen Zeitgenossen auch als Zeichner und Maler bekannt. So heben gleich zwei Traktate seine diesbezüglichen Fähigkeiten hervor: In Paolo Pino, Dialogo della pittvra (Venedig 1548) wird er als als «figliuolo della musica» und «nipote della pittura» bezeichnet, der nicht nur über einen göttlichen Intellekt verfüge, ganz erhaben und voller Tugend, sondern auch ein «buon pittore», ein guter Maler sei. In Lodovico Dolces Dialogo della pittura (Venedig 1557) heisst es über «vostro virtuoso Silvestro, eccellente musico e sonatore del doge»: «il quale disegna e dipinge lodevolmente e ci fa toccar con mano che le figure dipinte da buoni maestri parlano, quasi a paragon delle vive.» (der lobenswert zeichnet und malt und der mit den Händen machen kann, dass die von guten Meistern gemalten Figuren reden, wie im Wettstreit mit lebendigen.)


Beide Aspekte – Ganassi als bedeutender Instrumentalmusiker, dessen Angaben über Spiel und Verwendung der Gambe ernst zu nehmen sind, und Ganassi als geschätzter Zeichner und Maler, der die graphische Darstellung des Instrumentes in seinen Publikationen kontrolliert bzw. sogar selber verantwortet [5] – stellen ein wichtiges Argument für unsere Entscheidung dar, seine Publikationen ins Zentrum einer Instrumentenrekonstruktion zu stellen.

[1]

Edmunds 1980; Edmunds 1994; Harwood und Edmunds 1978.

[2]

Moens 1984; ders. 1986; 1995; 2002; 2004.

[3]

Kirnbauer 2012; Pio 2011.

[4]

Quaranta 1998, 180.

[5]

Vor diesem Hintergrund erklärt sich vielleicht ein Dokument, auf das Bonnie Blackburn jüngst wieder hinwies: Im Zusammenhang mit einem Verfahren, in dem Ganassi 1550 als Zeuge wirkt und in dem es um die Heirat des Malers Tizian im Jahre 1520 geht, wird ein persönlicher Kontakt zwischen Tizian und Ganassi belegbar. Siehe Blackburn 2012, 175, Fn. 20.

[6]

Agee 1983; Feldman 1995, 24–46.

[7]

Doni 1544, Widmung im Tenor-Stimmbuch.

[8]

Vio und Toffolo 1988.